Wenn immer ich im Rahmen der gegenwärtigen Situation mit Impfgegner*innen/ Coronaskeptiker*innen/ Massnahmenskeptiker*innen diskutiere, verwundert es mich wirklich, wie viele sich angegriffen und falsch verstanden fühlen, wenn ich ihre (moralische) Haltung mit dem Rechtsextremismus und Verschwörungstheorien in Verbindung bringe. Viele scheinen bei ersterem immer noch ausschliesslich an expliziten Rassismus im Sinne von Hass gegen Juden oder Schwarze zu denken. Erstens funktioniert der Rassismus von heute aber auf eine gänzlich andere, verdeckte und gesellschaftsfähigere Weise: An die Stelle der “Rasse” steht nun der Begriff der “Kultur”, die fälschlicherweise als etwas statisches, unveränderbares, von Geburt an festgeschriebenes verstanden wird, was Aussagen wie “das ist halt deren Kultur” verdeutlichen, wenn wiedermal ein Ausländer für irgendetwas für schuldig erklärt wird. Die Argumentation von “Wir” und “die Anderen”, wobei “Wir” immer besser ist als “die Anderen”, bleibt als Kernaussage des Rassismus bestehen.

Zweitens – und darauf wollte ich hier eigentlich zu sprechen kommen – geht es beim Rechtsextremismus noch um viel mehr. Diese Ideologie hat ein antidemokratisches Gesellschaftsverständnis, das sich auf das “Wohl des Volkes” beruft. In der Schnittmenge mit der Verschwörungstheorie (und völkischer Esoterik) konstruiert der Rechtsextremismus den Staat als Feindbild, inszeniert das Volk als Opfer und ist davon überzeugt, dass im geheimen doch eigentlich etwas ganz anderes vor sich geht, so dass es ihm erlaubt, nein sogar eine Pflicht sei, sich und seinesgleichen zu schützen.

Wissenschaftlich fundiert oder faktisch belegt sind solche Aussagen nie. Mit Slogans wie “Schützt unsere Kinder” (oftmals auch gebraucht von solchen, die gar keine haben), “wacht endlich auf!” und rechter Rhetorik wie “das wird man ja noch sagen dürfen” (Nein Werner, es gibt eben auch Dinge, die man nicht sagen darf!), “freie Meinungsäusserung” etc. wird versucht ein positives Selbstbild zu vermitteln, da man ja im Grunde für das Gute kämpft. Nun, das hat auch Hitler so gemacht.

Und dann diskutiert man also so mit solchen Menschen über ihre Einstellung, die sie oftmals auch noch als “nicht politisch” bezeichnen und fragt sich “haben sie denn wirklich nichts verstanden?” Ja, ich verstehe es, du hast nichts gegen Schwarze und Juden, Nein das alleine bedeutet nicht, dass du weltoffen, sozial und solidarisch unterwegs bist, was du mit “wir sind alle gleich” zu vermitteln versuchst. Die sogenannte “Spaltung der Gesellschaft” haben nicht diejenigen zu verschulden, die solidarisch und auf Fakten beruhend nach vernünftigen Lösungen suchen, sondern ihr, die ihr eine solche Spaltung konstruiert, in dem ihr eure Freiheit vor die Freiheit aller stellt. Nun kann es also sein, dass du nicht explizit rassistisch oder rechtskonservativ unterwegs bist, du bist es aber eben auch nicht bewusst NICHT. Denn du reflektierst deine Einstellung nicht in einem politischen und historischen Kontext. Wenn man sieht, welche Gruppierungen sich denn an solchen Anti-Demos anschliessen, sollte dies auch nicht allzu schwierig sein. Das ist nicht “freie Meinungsäusserung” – das ist gefährlich und es ist richtig, dass dies nicht geduldet werden darf.

Nun versteht mich nicht falsch: es kann ja durchaus sein, dass wir alle im Grunde gar nichts über das Leben wissen. Dass ja vielleicht wir alle wirklich nur Teil einer Matrix sind und eigentlich alles ganz anders ist als es scheint. Wenn dem so ist, dann weisst du es aber genau so wenig wie ich. Die Annahme der Verschwörungstheoretiker*innen und esoterischen Prediger*innen, dass es Menschen gibt (SIE SELBST!), die es eben doch etwas besser wissen, weil sie “erleuchtet” sind oder eben “endlich aufgewacht” sind, finde ich einfach ausgedrückt arrogant – so gar nicht nach dem Motto “gleiche Rechte für alle”.

Es gibt viele Glaubenssysteme auf unserer Welt, alle haben ihre Berechtigung und bringen uns viel Schönes. Jede*r hat das Recht darauf, seinen Glauben im Privaten zu leben. Es geht da aber bei allen um GLAUBEN und nicht um WISSEN. Und selbst wenn am Ende des Lebens wirklich auskommen würde, dass eines davon wahr war, so müssen wir uns, während wir leben auf eine gemeinsame Diskussions- und Kommunikations-Basis einigen und das wäre die Wissenschaft. Mit wissenschaftlichen Methoden, die es jedem*r erlauben, diese Fakten zu überprüfen. Um an solches Wissen zu gelangen, lernt man, bildet man sich, studiert man. In der gegenwärtigen Situation sind das also die Virolog*innen und Mediziner*innen, nicht ich, nicht du, nicht der Typ auf Youtube. Vielleicht täte es dir also manchmal gut, dich selbst nicht so ernst zu nehmen, dich selbst nicht über die Gemeinschaft zu stellen, dich demütig zu zeigen, vor dem Wissen der Expert*innen und nicht zuletzt zu verstehen, dass dein “Widerstand” im Grunde verdeutlicht, wie privilegiert du auf dieser Welt bist.