Trigger Warning: Psychische Krankheiten

«Würden mehr Leute eine Therapie machen, müssten weniger Leute eine Therapie machen» (gesehen bei @maxrichardlessmann). Diese ist bei mir eingeschlagen wie eine Bombe. «Das ist es!», denke ich schon, sobald ich es das erste Mal gelesen habe. Was man damit sagen will? Eine Therapie ist nichts, dass nur Menschen machen sollten, die akut mit psychischen Problemen kämpfen, sondern alle, die etwas über sich selbst lernen wollen. Gerade Menschen, die von sich selbst denken, sie hätten so etwas nicht nötig, sind oftmals gerade die, die aufgrund von ungelösten inneren Konflikten ihre Aggressionen nach aussen richten, sprich gegen die Mitmenschen. Besonders sensible Menschen leiden unter solchen Mikro-Aggressionen, fühlen sich von der Gesellschaft nicht verstanden und leiden unter der Tabuisierung.

Was aber, wenn wir unser Bild, das wir von der (Psycho-)Therapie haben, endlich mal vollständig überarbeiten würden? Wenn wir die Therapie als eine Dienstleistung betrachten, die wir in Anspruch nehmen können, um uns wohl zu fühlen, gesund zu sein, ein Problem zu lösen, mehr Selbstliebe zu empfinden.

Wenn wir in der Geschichte einen Blick zurückwerfen, wird deutlich, warum wir immer noch an dem Bild des*der «irren Geisteskranken» festhalten. Die Geschichte der Psychiatrie liest sich wie ein Schauermärchen. Bis zum 18. Jahrhundert sprach man vor allem von der «Behandlung des Wahnsinns». Während im Mittelalter psychische Krankheiten noch als Teufelswerke galten und Betroffene verfolgt und verbrannt wurden, kamen im 17. und 18. Jahrhundert sogenannte Zuchthäuser auf. Diese «Spitäler für Geisteskranke» waren im Grunde Gefängnisse, in denen die Insassen angekettet wurden (Ketten als therapeutisches Mittel) und mit Gewaltverbrechern eingesperrt wurden.

Ab dem 18. Jahrhundert entwickelte sich die sogenannte «Anstaltspsychiatrie», in der Betroffene in Anstalten mit brutalen Methoden «therapiert» wurden. Zwar entstand hier auch die medizinische Behandlung von Patient*innen, die Situation sah aber nach wie vor schlecht aus, was die gängigen Bezeichnungen «Irrenhäuser» und «Tollhäuser» verdeutlichen.

Ende des 18. Jahrhunderts markiert den Beginn der wissenschaftlichen Psychiatrie. Psychische Krankheiten werden nun vermehrt auch mit Neurologie in Verbindung gebracht und als vererbbar beschrieben. In der Zeit des zweiten Weltkrieges werden tausende psychisch Erkrankte zwangssterilisiert und als «lebensunwertes Leben» vernichtet.

Wir sehen, die Stigmatisierung von psychisch Kranken hat eine lange Geschichte und auch wenn wir heute gottseidank ein Stück weiter sind, so scheinen sich uns die Bilder der Patient*innen in Zwangsjacken, die laut schreien und aus dem Mund schäumen irgendwie in das gesellschaftliche Gehirn eingebrannt zu haben.

Manfred Lütz, deutscher Psychiater und Kabarettist, schreibt in seinem Buch «Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen» über den Sinn und Unsinn von Psychiatrie und Psychotherapie. Er geht der Frage nach, was psychische Krankheiten sind, wer denn eigentlich psychisch krank ist und was wir alle von psychisch Kranken lernen können. Wunderbar wertschätzend berichtet er von eigenen Patient*innen und verändert die Perspektive, mit der wir psychisch Erkrankte betrachten.

Die meisten Menschen mit psychischen Problemen sind sehr sensibel. Ihre Erkrankung tritt auf, weil sie sich in der heutigen Welt nur schwer zurechtfinden, reizüberflutet sind oder den Sinn verlieren. In dieser Welt doch irgendwie verständlich oder? Ich schäme mich nicht dafür, Probleme damit zu haben. Ich frage mich eher «wer hat denn als Folge unserer Art zu leben keine psychischen Probleme? Was stimmt denn mit denen nicht?».

Würden wir uns alle unsere Probleme eingestehen und darüber nachdenken, reflektieren, uns austauschen, könnten wie gemeinsam bessere Rahmenbedingungen schaffen, in denen sich alle wohl und verstanden fühlen. Und dann müssten auch weniger zur Therapie!