Am Donnerstag 12.August kam es in England zu einem Amoklauf mit sechs Toten. Der mutmassliche Täter soll aus Frauenhass gehandelt haben und der Incel-Bewegung angehört haben. Diese Information wurde bis heute (Stand 15.8.2021) noch nicht von den Behörden bestätigt. Für mich trotzdem Grund genug, etwas darüber zu schreiben.

Der Begriff Incel stammt vom englischen Begriff «involuntary celibate» ab, was im Deutschen so viel heisst wie «unfreiwillig zölibatär». Die heterosexuellen Männer dieser Bewegung leben demnach unfreiwillig enthaltsam. Sie sind davon überzeugt, dass sie aufgrund ihres Geschlechts ein Recht auf Sex und romantische Bindungen haben, Frauen werfen sie vor, ihnen dieses Recht zu verwehren. Auch auf Männer, die einem gesellschaftlichen Idealbild entsprechen und deshalb sexuell aktiv sein können, schüren sie Hass. Die Incel-Bewegung ist geprägt von Misogynie (Frauenhass) und grenzt sich insofern von anderen Männerrechtsbewegungen ab, als dass sie Gewalt gegen Frauen nicht nur billigen, sondern auch anwenden.

Im Detail sieht das ungefähr so aus: Männer, die mit ihrem eigenen Aussehen unzufrieden sind (zu kleine Körpergrösse, zu kleiner Penis, schiefe Nase, kein ausgeprägter Kieferknochen, etc.) und sich deshalb von Frauen zurückgewiesen fühlen, leiden und ertrinken im Selbstmitleid. Sie sind davon überzeugt, dass es eine Art soziale Hierarchie, basierend auf dem äusseren Erscheinungsbild, gibt. Die «Chads» oder «Alphas» sind diejenigen Männer, die von Frauen als besonders attraktiv empfunden werden, «Normies» sind die durchschnittlich attraktiven und sexuell aktiven Männer. Die Incels selbst stehen in dieser Hierarchie ganz unten. Frauen werden in «Stacies» (besonders attraktiv) und «Beckies» (weniger attraktiv) unterteilt.

Ein wichtiges Merkmal dieser Community ist das Gemeinschaftsgefühl, das geteilte Leid und der gemeinsame Feind, der an diesem Leid Schuld haben soll. Was sofort auffällt, ist die Ähnlichkeit zur rechten Rhetorik, weshalb es auch nicht verwundert, dass die beiden Phänomene oft verschmelzen und viele Incels auch der rechten Szene angehören.

Doch woher schürt dieser Hass gegen Frauen und die Bereitschaft Gewalt gegen sie anzuwenden? Und wieder einmal kann diese Frage mit einem Satz beantwortet werden: DAS PATRIARCHAT HAT SCHULD. Es verkörpert und reproduziert ständig ein toxisches Männlichkeitsideal. Männer sind, und das schon im jüngsten Alter, dem ständigen Druck ausgesetzt, dem Ideal eines «richtigen» Mannes zu entsprechen. Nur so können sie erfolgreich und für die Frauenwelt attraktiv sein. Die Incels zerbrechen daran, diesem Idealbild nicht entsprechen zu können, sie erfahren Mobbing und Zurückweisung. Aber Achtung: Auch wenn man den daraus folgenden Selbsthass und das Selbstmitleid noch irgendwie nachvollziehen kann, kann und darf man mit den Betroffenen nicht sympathisieren. Denn erstens werden nicht alle zurückgewiesenen Männer automatisch zu Incels und zweitens: Anstatt auf die Idee zu kommen, dass die herrschenden Männlichkeitsvorstellungen das Problem sind und es diese durch feministische Bildung zu hinterfragen gilt, kommen sie trotzdem zum Schluss, die Frauen seien das Übel der Welt, was Aussagen wie «Frauen sind der Abschaum der Erde» deutlich zeigen. Der Mechanismus ist einfach: Frauen abwerten, um sich selbst aufzuwerten. Natürlich sind auch noch weitere Faktoren als Ursache ausschlaggebend: Einsamkeit, psychische Probleme (und die fehlende Hilfe aufgrund der Tabuisierung), fehlende Bildung bezüglich (einvernehmlichem) Sex, unrealistischen Pornografien u.a.

Gefährlich daran ist: Incel– Foren sind öffentliche Plattformen, die für jeden zugängig sind. Im Gegensatz zu vielen anderen Internet-Communities bleibt es bei dieser nicht bei gegenseitigem Bestärken und frauenfeindlichem Gelaber, sondern äussert sich, immer öfters in gewaltvollen Taten, wie der jüngste Vorfall zeigt.